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Ächz! Seufz! Boom! Yaaaah!

Comics sind wieder Kult. Die Youngster lieben Manga und die Oldies die Klassiker. Still und leise finden auch anspruchsvolle Comics ihr Publikum.

Die neuen Stars heißen Belldandy, Kaito Kid, Sumo, Hanon Hosho oder Alexiel. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse waren die Heldinnen und Helden der Manga-Szene zu Hunderten leibhaftig unterwegs - mit knallroten Perücken, schwarzen Hüten, in Lack und Leder, im Kampfanzug oder mit weißen Flügeln. Jedem Kostümierten war freier Eintritt sicher. Rund 65 Gruppen und Singles sangen und spielten Szenen aus Manga-Büchern und Anime-Filmen nach. Beim Manga-Zeichenwettbewerb hatte die Jury unter 2 000 Einsendungen die Qual der Wahl. Die Sieger haben eine Chance, entdeckt zu werden. Denn deutsche Mangaka werden gesucht und von Fans gefeiert.

Keine Frage - die Manga-Szene hat ihre eigene Subkultur entwickelt. Manga boomt. Wie lange noch? "Der Point of no Return ist erreicht" sagt Marion Egenberger vom Egmont Ehapa-Verlag. Jenseits der Manga sieht sie noch keinen neuen Comic-Boom. Zwar sei in den Medien das Interesse stark gestiegen, "in den Auflagen schlägt es sich nicht ganz so nieder".

Auf zwei Superstars ist nach wie vor Verlass: der neue Asterix ging innerhalb der ersten Wochen 1,5 Millionen Mal über den Ladentisch, Lucky Luke kommt mit einer Auflage von 100 000 Büchern auf den Markt. Auch Mickey Maus und die Entenhausener, der Altfreak Werner, Tim und Struppi oder Prinz Eisenherz können noch auf ihre Fans zählen. Darauf setzten im vergangenen Jahr gleich zwei Zeitungen: Bild und FAZ beglückten ihre Leser mit preisgünstigen Comic-Klassiker-Reihen.

Grafic Novels, die Comics mit literarischem Anspruch haben es dagegen schwer. Und doch sieht Jutta Harms einen Silberstreif am Horizont: "Andere Leserschichten entdecken den Comic", sagt die Pressesprecherin von Edition Moderne und dem Verlag Reprodukt, der sich der Independent-Szene widmet: "Diese Leser wollen mehr, als sich nur belustigen." Den Comic-Markt von morgen dürften allerdings eher die Manga-Kids von heute bestimmen. "Die ersten Manga-Leser haben bereits Kinder", sagt Friederike von Ludowig vom Carlsen. Der Verlag legt jetzt auch Manga für die ältere Generation auf.

Interview: "Es musste etwas Neues kommen"

Dr. Bernd Dolle-Weinkauff ist Wissenschafter am Institut für Jugendbuchforschung der Universität Frankfurt. Er ist renommierter Comic-Forscher und Herr über das größte Comic-Archiv Deutschlands.

ÖKO-TEST: Was ist ein guter Comic?
Dolle-Weinkauff: Er muss Bild und Schrift optimal einsetzen und daraus ein spannungsreiches Miteinander machen. Dieses Zusammenspiel, wenn es gelingt, ist typisch für einen interessanten Comic. Natürlich muss dabei eine gute Story herauskommen, aber das gilt für Literatur allgemein.

ÖKO-TEST: Wer liest Comics?
Dolle-Weinkauff: Das hat sich sehr stark verändert in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Die frühen Comicfans aus den fünfziger Jahren, als das Ganze noch unter Schund lief, sind mittlerweile Großeltern. Sie interessieren sich oft nur für die alten Schinken von damals wie Nick, der Weltraumfahrer und Sigurd, der edle Ritter oder die scheinbar zeitlosen Micky-Maus-Geschichten. Die etwas jüngeren sind mit dem franko-belgischen Comic und dessen literarischen Ambitionen auf den Geschmack gekommen, andere schwärmen immer noch von Robert Crumb und dem Underground der späten sechziger Jahre. Was die Comic-Buch-Verlage aktuell anbieten, wendet sich im Wesentlichen an erwachsene Leser und Käufer. Kinder und Jugendliche befriedigen ihr Leseinteresse bei den Heften und bei den Taschenbüchern - das sind eben die Manga.

ÖKO-TEST: Wie erklären Sie sich den Erfolg der Manga?
Dolle-Weinkauff: Das hat unterschiedliche Gründe: Die junge Leserschaft wollte einfach nicht mehr das lesen, was ihre Eltern und Großeltern schon gelesen haben. Die letzten großen Klassiker der Gattung wie die Marvel-Superhelden und Asterix wurden in den sechziger Jahren erfunden, seitdem ist eigentlich nichts Epochemachendes mehr erschienen. Es musste also etwas Neues kommen. Dass die Manga so erfolgreich sind, hängt mit dem kulturellen Globalisierungskonzept zusammen, das japanische Comic-Macher verfolgen. Die Geschichten bestehen nicht aus rein japanischen Stoffen und Motiven, es ist vielmehr ein aus allen Weltkulturen zusammengesaugtes Material an Mythen, Figuren und Geschichten. Man muss sich nicht wundern, wenn neben großäugigen Kindern im Disney-Stil auch Engel, Teufel, Dämonen und Ingredienzien aus allen Weltreligionen auftauchen und das Ganze in Heidelberg spielt. Das macht die Leser neugierig. Und nicht zuletzt: Selten wurden in Comics die Wünsche, Ängste und Phantasien der jeweiligen Zielgruppen so intensiv angesprochen wie aktuell in den Manga.

ÖKO-TEST: Was halten sie von Comics als Bildungsmedium?
Dolle-Weinkauff: Anders als früher, als Comics vor allem komisch sein sollten, lassen sich mit modernen Comics sehr anspruchsvolle Themen behandeln. So gibt es Comics, die Geschichtsepochen aufarbeiten wie den Nationalsozialismus, den Holocaust, die Französische Revolution. Man hat lange Zeit bezweifelt, dass ernste Themen mit Bildern und Sprechblasen überhaupt darstellbar sind und dabei übersehen, dass die Comicerzählung sich längst zur realistischen Erzählung oder zum phantastischen Roman gemausert hatte. Das wurde erst deutlich, als solche Meisterwerke wie Art Spiegelmanns Maus - die Geschichte eines Überlebenden, Anfang der achtziger Jahre auf den Markt kamen. Das war die einhellige Meinung, ja, das ist wirklich gelungen.

Vom komischen Comic Strip zum Manga
  • Die Zeitrechnung des Comics beginnt vor über hundert Jahren mit den ersten Comic Strips in amerikanischen Zeitungen. Die kurzen, komischen Streifen erzählten in Bildern und Sprechblasen pointenreiche Geschichten.
  • Es folgen in den dreißiger Jahren die Comic-Books. Die 32-seitigen Hefte erwecken Helden wie Superman, Batman aber auch Mickey Mouse und Donald Duck zum Leben und wenden sich erstmals an junge Leser.
  • Erst in den fünfziger Jahren erobern Helden wie der amerikanische Tarzan, sein italienisches Pendant Akim oder der deutsche Sagenheld Sigurd den deutschen Markt. 1951 erscheint hierzulande das erste Mickey-Maus-Heft. Ab 1953 bekommen Donald, Goofy und Co. deutsche Konkurrenz: die schlauen Füchse Fix und Foxi. Sie alle tummeln sich in kleinen Groschenheftchen, auch Piccolos genannt.
  • Das Rennen unter den europäischen Comics machen französische und belgische Erfindungen: Tim und Struppi von Hergé oder Gaston, der verträumte Bürobote aus der Feder von André Franquin, und natürlich der unbeugsame Gallier Asterix von Renée Goscinny und Albert Uderzo. Mit ihren Geschichten setzten sich die großformatigen Alben durch und der Comic verliert das Image der Schundliteratur.
  • Als literarisch-künstlerische Form werden Comics spätestens anerkannt, seitdem Art Spiegelmann für seine Holocaust-Erzählung Maus 1992 den Pulitzerpreis bekam. - Die jüngste Geschichte des Comics schreiben japanische Manga, koreanische Mahwa und chinesischen Manhua. Sie sind die Favoriten bei Kindern und Jugendlichen und haben mit ihren fantastischen und gleichzeitig realistischen Geschichten den deutschen Comic-Markt erobert.
  • Lust am Lesen

    Verführen Comics zum Lesen? Der Comicforscher Dr. Bernd Dolle-Weinkauff ist davon überzeugt: "Man versteht eigentlich keine Comic-Geschichte, wenn man nicht den Text hat", sagt er. So sähen die Kinder die Bilder, fänden sie attraktiv und könnten sich die Geschichte nicht zusammenreimen: "Das ist der Hebel zur Leseförderung". Neuerdings wird die Botschaft gehört. Auf der Frankfurter Buchmesse 2005 waren sich Experten einig: Comics machen Lust auf Lesen - besonders die Manga. "Die Jugendlichen tauschen sich auf dem Schulhof über Manga aus und puschen sich gegenseitig für die weitere Lektüre", sagt Klaus Kämpfe-Burghardt vom Carlsen-Verlag. Das gilt auch für die eher lesefaulen Jungen.

    Manga-Manie bei Mädchen

    Das hat es auf dem Comic-Markt noch nie gegeben: Mehr Mädchen als Jungen kaufen Manga. Das liegt nicht nur an den großen Kulleraugen und den niedlichen Gesichtern der Shojos und Bishojos. Auch viele Themen sind direkt auf Mädchen zugeschnitten - die meisten auf pubertierende Mädchen. Sie handeln von alltäglichen Problemen und Freuden, Verliebtheit und Liebeskummer, Schule, Schulversagen, Mobbing oder Konflikten mit den Eltern. Dabei gewähren Manga Einblicke in das Innenleben ihrer Figuren. In Herzen oder Wölkchen offenbaren sie ihre Gefühle. Das mögen Mädchen ganz besonders.

    Mekka der Comic-Szene

    Alle zwei Jahre pilgern über 20#000 Comic-Fans zum Internationalen Comic-Salon Erlangen. Dort erwarten sie rund 100 Verlage, Agenturen und Comic-Händler aus zahlreichen Ländern sowie 300 Künstler. Highlight des Comic-Salons ist das "Comic-Museum auf Zeit": An vielen Orten der Stadt werden aufwändige Ausstellungen gezeigt, in diesem Jahr eine große Lorenzo-Mattotti-Retrospektive, die aktuelle deutsche Comicszene, die erfolgreichstren deutschen Manga-Zeichnerinnen und internationale Comic-Reportagen aus Israel und Japan und mehr. Internationaler Comic-Salon in Erlangen, 15. bis 18. Juni 2006. Näheres unter www.comicsalon.de

    Was ist ein Donaldist?

    Im Leben eines Donaldisten dreht sich (fast) alles um donaldistisches Gedanken- und Sinngut. Sie ergründen das Entenhausener Universum um die Familie Duck und verbreiten ihre Forschungsergebnisse in der nichtkommerziellen Zeitschrift Der Donaldist. Ob Panik, Platzangst oder Paranoia hinter der Entenhausener Fassade oder Gerichtsalltag und Abfallwirtschaft in Donalds Welt - jedes Forschungsthema wirft neue Fragen auf. Donaldisten verehren Carls Barks, den bekanntesten Donald-Zeichner, und Erika Fuchs, die Barks Entenhausen-Geschichten genial in Deutsche übersetzt hat. Weitere Infos unter: www.donald.org

    Surftipp: www.comic.de

    Navigare necessere est, fordert Comic.de auf. Wer durch die Seiten navigiert, findet Neuigkeiten aus der Comic-Szene, Berichte von Messen und Ausstellungen, Rezensionen neuer Comics, Termine von Comic-Börsen, Hinweise auf Comic-Buchläden und vieles mehr. Der Link Comicforschung.de führt unter anderem in die Frühzeit des Comics sowie zu interessanten Fachartikeln.

    Deutsche Helden

    Werner von Brösel. Seit 25 Jahren trinkt der Klempnerlehrling Werner gern Bölkstoff, heizt dem Motorrad durch die Lande, kloppt Sprüche wie "Hau wech die Scheiße" und hat sich über zwölf Millionen Mal verkauft.
    Rudi von Peter Ruck. Der frustrierte Zyniker schlägt sich durch die großstädtische Szene - und das seit 20 Jahren. Cool will er sein, das klappt nur nicht so und eigentlich scheitert er immer. Rudis Stern steigt.
    Strizz von Volker Reiche. Der hagere Büroangestellte aus Frankfurt erlebt so seine täglichen Missgeschicke. Akten sind nicht seine Sache, lieber kommentiert er die aktuelle Politik. Erst vier Jahre ist Strizz alt und schon ein moderne Klassiker.

    Iranischer Alltag in Comicversion

    Ein kleines Mädchen erzählt von ihrer Kindheit in Zeiten der islamischen Revolution im Iran Die damals mutige und altkluge Kleine ist 34 Jahre alt, heißt Marjane Satrapi, und lebt heute in Frankreich. Den Comic Persepolis zeichnete sie als Antwort auf die Vorurteile über ihre Heimat. Mit ihrer einfachen, anrührenden Bildsprache landete einen Riesenerfolg. Weltweit ist Persepolis inzwischen eine Million Mal verkauft. Derzeit arbeitet Satrapi an einer Trickfilmversion.

    Gerlinde Geffers