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Dolle Knolle

Vom Geheimtipp zum Medienstar: Der Streit um die Kartoffelsorte Linda eint Verbraucher und Bauern. Sie wollen mehr als eine leckere Kartoffel. Sie wollen mitentscheiden, was auf den Teller kommt.

Linda lebt. Beim Sterne-Koch Christian Lohse im Berliner Nobel-Restaurant Fischers Fritze ist sie nach wie vor ein Star unter den Kartoffeln. Er schätzt ihre gelbe Farbe und ihren typisch erdigen Kartoffelgeschmack. Als "würzig und nussig" beschreibt er ihn und "einfach sensationell" sei die Linda als Püree oder Stampfkartoffel.

Auch auf den Hamburger Wochenmärkten ist Linda noch im Angebot. "Die Kunden sind ganz fixiert auf Linda", sagt Helmut Buhr, Gemüsebauer aus den Vierlanden. "Warum? Weil sie so gut schmeckt." Im Anbau sei die Linda durchaus anfällig gegen Krautfäule, weiß der 60jährige. Aber für ihn, der auf gute Kartoffelqualität baut, sei das kein Problem. Bisher konnte der Gemüsebauer noch Pflanzgut für Linda kaufen. Auch Lindas Nachfolgerin, die Sorte Belana hat er angebaut: "Die Kunden sollen entscheiden, welche besser ist".

Annette Garbrecht jedenfalls will ihrer Lieblingskartoffel treu bleiben: "Seit ich weiß, dass Linda verschwinden soll, kaufe ich die Sorte erst recht". Garbrecht ernährt sich überwiegend vegetarisch, betrachtet Kartoffeln als Gemüse und achtet auf gute Qualität. "Linda ist nicht zu weich und nicht zu hart", lautet ihr Urteil, nachdem sie viele Sorten durchprobiert hat. Und die Bratkartoffeln hätten so eine schöne Kruste, ohne innen pappig zu sein.

Drohendes Ende

Vor zwei Jahren schien das Ende der beliebten Kartoffel besiegelt. Kurz vor Ablauf des Sortenschutzes (siehe Kasten) hatte das Kartoffelzuchtunternehmen Europlant die Zulassung für Linda zurückgezogen. So versperrte die Firma den Linda-Bauern die Möglichkeit, die Zulassung zu übernehmen und Linda ohne Lizenzgebühren weiterhin anzubauen. Ende Juni 2005 wäre Linda endgültig vom Markt verschwunden. Doch dann formierte sich der Freundeskreis "Rettet die Linda" und das Schicksal der bedrohten Kartoffel machte Schlagzeilen. Sogar Ulrich Wickert sang in den Tagesthemen ein Loblied auf Linda als Bratkartoffel. Binnen kürzester Zeit war Linda die populärste Kartoffel Deutschlands. Schließlich verlängerte das Bundessortenamt die Auslauffrist um zwei Jahre.

Auf den ersten Blick verwundert das große Engagement für Linda, denn immer noch haftet der Kartoffel in Deutschland der Ruf einer Sättigungsbeilage an: Friedrich II führte sie vor zweihundertfünfzig Jahren als Mittel gegen Hungersnöte ein. Seit die Deutschen Geschmack an der Nudel gefunden haben, sinkt der Kartoffelverzehr hierzulande. Da wird die Empörung über das geplante Aus von Linda erst auf dem zweiten Blick verständlich: "Für die Verbraucher war es schlicht nicht nachvollziehbar, dass eine so gut schmeckende Kartoffelsorte verschwinden sollte", erklärt Arnim Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Viele ältere Menschen hätten Linda gekauft, aber auch junge Familien auf den Bio-Märkten. Und dann reichte ein einziger Stand in der Hamburger Innenstadt, an dem die Verbraucherzentrale heiße Linda-Kostproben verteilte und über ihr Schicksal informierte - und schon wurde die Unterschriftensammlung zum Selbstläufer. Aus dem Internet luden sich Verbraucher Listen herunter und brachten es bis zur vorläufigen Rettung von Linda auf 10 000 Unterschriften.

Eine Kartoffel - zwei Welten

Dass Linda auch noch zum Medienstar wurde, verdankt sie zwei geradezu idealen Kontrahenten. Auf der einen Seite steht Karsten Ellenberg aus dem niedersächsischen Barum. Er ist der Initiator der Kampagne "Rettet die Linda". Seit zehn Jahren züchtet und vermarktet der Bio-Bauer alte Kartoffelsorten wie das Barmberger Hörnchen. Den größten Teil seines Geldes verdient er aber mit Linda. "Es kann nicht angehen, dass man eine so beliebte Kartoffel vom Markt nimmt", empört er sich. "Wir Landwirte sind auch Unternehmer und möchten die Verbraucherwünsche erfüllen". Wenn eine Sorte trotz Nachfrage jederzeit innerhalb der Sortenschutzzeit abgemeldet werden könne, dann fürchtet er als Bauer die "totale Abhängigkeit" von Kartoffelzuchtunternehmen.

Deshalb hat Ellenberg Linda zur Wiederzulassung angemeldet und aus Linda-Keimen und -Pflänzchen Tausende Linda-Knollen produziert. Das Bundessortenamt testete die ersten im Herbst 2006 an verschiedenen Standorten. Für Bauer Ellenberg geht es aber um mehr als um das wirtschaftliche Überleben: "Wir brauchen eine Perspektive, damit es wieder Spaß macht zu essen und Nahrungsmittel zu produzieren."

Auf der anderen Seite steht Jörg Renatus, Geschäftsführer des Kartoffelvermarkters Europlant und Herr über 80 zugelassene Kartoffelsorten. Für ihn ist es "ein völlig normales Verfahren", eine Kartoffelsorte zurückzuziehen: "Das machen wir jedes Jahr mehrfach". Mit 1,4 Prozent Marktanteil sei die Linda eine kleine Sorte in einem großen Markt gewesen, eine ganz gute Sorte, aber nicht der Überflieger. Besonders kleine Landwirte hätten sie als Qualitätsprodukt produziert. Für den Fall, dass jeder Erzeuger die Sorte lizenzfrei vermehren kann, fürchtet Renatus, dass Massenproduzenten aufspringen, die Qualität sinkt und die Preise fallen. Dass die Kunden nur Linda lieben, kann er sich nicht vorstellen: "Sie kaufen doch auch nicht eine Gurke, nur weil sie Elvira heißt". Die Leute hätten sich an eine gelbe festkochende Sorte mit intensivem Geschmack gewöhnt. Die gäbe es aber: Belana - die lizenzpflichtige Tochter von Linda.

Entscheidung Ende 2007

Nun blicken alle gespannt auf das Bundessortenamt. Zwei Jahre prüft es, ob Linda erneut zugelassen wird. Jede neue Kartoffel muss für die Zulassung viele Wertprüfungen bestehen und schließlich besser abschneiden als die schon existierenden Sorten. Eigentlich ist die Prüfung ein Routinegeschäft, denn das Bundessortenamt führt über 200 Kartoffelsorten in seiner Sortenliste. Doch die Resonanz auf Linda "ist überhaupt nicht unser tägliches Geschäft", sagt Burkhard Spellerberg vom Bundessortenamt. "Das ist schon beeindruckend gewesen." Zurzeit prüft das Amt sorgfältig, "ob die Sorte in der Gesamtheit ihrer Eigenschaften neu bewertet werden muss oder ob frühere Prüfungen herangezogen werden", so Spellerberg. Frühestens im Spätherbst 2007 rechnet das Amt mit einer Entscheidung. Nach Ansicht von Matthias Miersch, dem Anwalt der Linda-Freunde, könnte das Bundessortenamt durchaus zu Lindas Gunsten entscheiden, weil sie einen "überragenden Wert für die Bevölkerung" habe und am Markt etabliert sei.

Botschafterin des guten Geschmacks

Ein Sieger im Linda-Konflikt steht zumindest schon fest: die Kartoffel. "Linda hat dazu geführt, dass man die Kartoffel wieder als Kartoffel erkennt", findet Walter Kress, Kartoffelbauer aus Hardhausen-Gochsen. Kress ist Vorstandsmitglied von Slow Food und hat gemeinsam mit Karsten Ellenberg im Herbst auf der Terra Madre in Turin Kartoffelspezialitäten präsentiert. Bei diesem Treffen von 5 000 Kleinbauern, Fischern und Hirten und knapp 1 000 Köchen aus aller Welt dreht sich alles um regionale Nahrungsmittel, die nachhaltig und gerecht produziert sind und gut schmecken.

Interview: "Linda hat ein Nachdenken eingeleitet"

Georg Janßen ist Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. (AbL) Sie vertritt 5 000 konventionell und ökologisch wirtschaftenden Bäuerinnen und Bauern sowie Verbraucherinnen und Verbraucher.

ÖKO-TEST: Die Kampagne "Rettet Linda" mobilisierte viele Menschen. Hat sie das überrascht?
Janßen: Wir haben die Arbeit nicht in erster Linie gemacht, um große Medienerfolge zu erzielen. Wir wollten uns wehren: Es kann nicht angehen, dass zum Ablauf der Sortenschutzzeit ein Züchter entscheiden kann, was auf dem Acker gepflanzt wird und was auf den Teller kommt. Es geht um das Recht der Verbraucherinnen und Verbraucher, selbst zu entscheiden, was sie essen. Und es geht um das Recht der Bauern, sich einen Markt zu suchen und ihn zu bedienen und sich dabei nicht hineinregieren zu lassen. Wir haben dann alles getan, damit wir möglichst viele Verbündete finden. Dass es so viele geworden sind, hat es uns sehr gefreut.

ÖKO-TEST: Verbrauchern ist es doch aber oft egal, welche Sorte sie kaufen.
Janßen: Ja, bei Linda ist das anders. Viele Menschen genießen sie seit Jahrzehnten. Ich habe das Gefühl, dass es eine enge Bindung gerade an diese Kartoffel gibt. Die wird natürlich verstärkt, wenn sehr viel über Linda geschrieben wird. Die Leute fragen sich: Was will ich denn essen? Linda hat ein Nachdenken eingeleitet. Das haben uns viele Verbraucherinnen und Verbraucher bestätigt.

ÖKO-TEST: 2004 war klar, der Sortenschutz läuft aus. Gab es Bauern, die Linda übernehmen wollten?
Janßen: Ja, es gab eine Reihe von Bauern, die gesagt haben, wir machen auf jeden Fall mit Linda weiter. Gerade viele Direktvermarkter, sowohl im konventionellen als auch im biologischen Anbau, waren sicher, dass sie bei dieser Sorte bleiben müssen, weil die Kundinnen und Kunden Linda nachgefragt haben. Deshalb sind wir auch das rechtliche Wagnis eingegangen, Linda-Pflanzgut auszubringen.

ÖKO-TEST: Europlant sagt, beim Nachbau besteht die Gefahr, dass Qualitätsverluste auftreten.
Janßen: Das lässt sich nicht von der Hand weisen. Der Punkt ist, dass unsere Leute jahrzehntelang Erfahrungen mit Linda gemacht haben. Das sind keine Anfänger. Deshalb sind Qualitätsverluste nicht automatisch die Folge. Man muss sich immer wieder neu bemühen - und auch Glück haben mit dem Wetter.

ÖKO-TEST: Drohen auch andere Sorten zu verschwinden?
Janßen: Ständig. Dagegen arbeitet eine kleine Zahl von Züchtern, hauptsächlich im ökologischen Bereich. Sie kümmern sich darum, dass wertvolles Pflanzenmaterial nicht von der Bildfläche verschwindet. Andere kleinere Betriebe bemühen sich darum, bestimmte Haustierrassen nicht aussterben zu lassen. Das ist eine mühselige, aber auch sehr schöpferische Arbeit. Die großen Züchtungskonzerne gucken nur, ob sie möglichst Hochertragssorten und Hochleistungsrassen züchten, die möglichst kurzfristig einen hohen Gewinn abwerfen.

Die Linda-Chronik

November 2004: Die Firma Böhm/EUROPLANT Pflanzenzucht GmbH zieht die Zulassung für die Kartoffelsorte Linda kurz vor Ablauf des Sortenschutzes zurück. Das Bundessortenamt legt eine Auslauffrist bis zum 30. Juni 2005 fest.

Januar 2005: Der Freundeskreis "Rettet die Linda" informiert erstmals die Medien. Der Bio-Landwirt Karsten Ellenberg beantragt die Neuzulassung von Linda sowie eine Verlängerung der Auslauffrist.

Mai 2005: Das Bundessortenamt verlängert die Auslauffrist bis zum 30. Juni 2007. Die Firma Europlant legt dagegen Widerspruch ein und droht Bauern, die Linda vermehren, mit Vertragsstrafen.

Juli 2005: Das Bundessortenamt weist den Widerspruch zurück. Daraufhin klagt Europlant gegen das Bundessortenamt auf Schadensersatz in Millionenhöhe. Ende August weist das Verwaltungsgericht Hannover die Klage zurück.

Ende Juli 2005: Das Schiedsgericht für Saatgutstreitigkeiten bei der Landwirtschaftskammer Hannover untersagt drei Bauern, die weiterhin Linda-Pflanzgut angebaut haben, Linda zu vermarkten. Ende August werden die strittigen Lindas unter behördlicher Aufsicht gerodet, eingelagert und versiegelt. Dagegen legen die Linda-Bauern Beschwerde ein.

Ende September 2005: Das Oberlandesgericht Celle verhandelt die Beschwerde und vertagt das Urteil auf Dezember.

15. November 2005: Europlant und die Bauern einigen sich auf einen Vergleich. Die Landwirte übergeben die Linda-Kartoffeln der Firma Europlant. Die sagt zu, sie als Pflanzkartoffeln zu vermarkten. Linda bleibt bis zum 30. Juni 2007 auf dem Markt.

Frühestens Spätherbst 2007: Das Bundessortenamt wird entscheiden, ob Linda neu zugelassen wird.

Sortenschutz und Zulassung

Sortenschutz: Er ist vergleichbar mit einem Copyright oder einem Patent. Damit wird die züchterische Leistung geschützt. Der Sortenschutz wird für 30 Jahre gewährt. In dieser Zeit muss jeder, der die Sorte vermehren will, Lizenzgebühren an den Züchter zahlen. Gleichzeitig kann der Züchter ohne Angabe von Gründen die Zulassung der Sorte zurückziehen. Nach Ablauf des Sortenschutzes kann jeder die Sorte vermehren.

Zulassung: Bevor eine neue Sorte in den Handel darf, prüft das Bundessortenamt ihre Qualität - bei der Kartoffel nach 23 Qualitätsmerkmalen wie Widerstandsfähigkeit, Kocheigenschaften, Verwendungsmerkmalen und Geschmack. Zugelassen wird eine neue Kartoffelsorte nur dann, wenn sie besser ist als die bereits zugelassenen Kartoffeln. Grundlage für die Zulassung ist das Saatgutverkehrsgesetz.

Gerlinde Geffers