Juhu, eine eigene Wohnung

Annett wollte endlich mit ihrem Freund zusammenleben. Oliver mochte seine Wohngemeinschaft nicht mehr, und Sylke verließ ihr Elternhaus. Sie wollten frei sein und selbstständig wie andere Leute – obwohl sie viel Hilfe brauchen. In einer Hausgemeinschaft erleben sie jetzt, was es heißt, für sich zuständig zu sein

März 2009, drei Monate vor dem Umzug. Ihr Elektrorolli ist kaputt. Annett wurmt das. Sie thront in einem Schieberollstuhl und bittet darum, ein wenig zum gedeckten Küchentisch gerückt zu werden. Sie kann die Räder nicht aus eigener Kraft bewegen. Dass sie gerade jetzt, kurz vor dem Umzug, mehr Hilfe braucht, passt ihr gar nicht. Ausgerechnet sie, die doch so gern allein spazieren fährt, die lieber draußen ist als im Haus und sich schon darauf freut, demnächst am Stadtpark zu wohnen.

Annett Franke lebt seit 25 Jahren in einer stationären Wohngruppe mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Glücklich sei sie hier nie gewesen. „Ich bin hier die Fitteste“, sagt sie. Die meisten Mitbewohner seien geistig behindert. Mit denen könne sie sich nicht unterhalten. Nicht über Politik, nicht über ihr Hobby Fußball, nicht über ihre Leidenschaft für Computer. Sie zählt die Tage, bis sie endlich in den Neubau in Hamburg-Barmbek ziehen kann.

Die 47-Jährige ringt ihren Stimmbändern die Sätze ab. Sie formt die Laute im Rachen und schiebt mit ihrem Atem jedes Wort einzeln aus dem Mund. Sie kann ihre Muskeln nicht bewusst anspannen und entspannen, auch die im Kehlkopf nicht. Das Sprechen hat sie von einer Sprachtherapeutin gelernt, als sie acht Jahre alt war. Mit neun konnte sie lesen. „Lesen habe ich mir selbst beigebracht“, sagt Annett.

Oliver Gerhard ist der Umzug unheimlich. Neues, sagt er, mag er nicht. Oliver ist 28 Jahre alt, blond, schmal und sehr höflich. Er antwortet knapp auf Fragen, manchmal so, als ob ein Pädagoge aus ihm spricht. „Ich schaffe es in gewisser Weise, einen Tagesablauf zu strukturieren“, sagt er oder: „Ewig bei Mama leben, das geht nicht.“ Zweimal in der Woche spricht er mit seinem Betreuer über Dinge, die ihn seelisch bedrücken.

Seit sechs Jahren lebt Oliver in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft. Es gebe hier Streithähne, sagt er. Ärger könne er nicht leiden. So hat er sich ermutigen lassen, künftig alleine zu wohnen. Ob er sich auf die Zweizimmer-Neubauwohnung freue? Mal so, mal so, sagt er hastig und wirkt dabei wie einer, der in einem zu engen Anzug steckt. Immerhin, die künftigen Nachbarn kenne er schon. Er müsse ja nur vor die Tür gehen und fragen: „Hast du Lust auf einen Schnack?“

Sylke Lepschi wartet im Wohnzimmer ihres Elternhauses. Noch lebt sie bei ihrer Mutter in Neuhaus, einem Dorf an der Elbe, das vor der Wende zur DDR gehörte. Vor ihr steht ein Tablett, auf dem sich ein Haufen winziger Puzzleteile türmt. Den Rand des Puzzles hat sie schon gelegt. Es wird das ganze Tablett ausfüllen. Aber wo ist das Bild als Vorlage? Sylke strahlt. Ein Bild gibt es nicht? Sie schüttelt den Kopf. Nein, erklärt die Mutter, als sie den Kaffee bringt. Sie schaffe das so. Sie studiert Puzzleteil für Puzzleteil, vergleicht Farben und Motivausschnitte, fügt die passenden Teile zusammen. „Geduld“, sagt die Mutter, „Geduld hat sie!“

Sylke kann nicht gehen, nicht alleine essen und die einzelnen Worte, die sie aus ihrer Kehle stößt, verstehen nur diejenigen, die oft um sie herum sind. Aufmerksam verfolgt sie, wie ihre Mutter erzählt, dass sie nie im Kindergarten und nie in der Schule war. Die wenigen DDR-Schulen für schwer körperbehinderte Menschen waren weit weg von der mecklenburgischen Provinz. So haben sich die Eltern vierzig Jahre lang allein um ihre Tochter gekümmert. Sie sind von Arzt zu Arzt gelaufen, haben einen Rollstuhl erstritten, der sie nicht einzwängt, haben ihr die Welt eröffnet. Bald wird sie ihre Heimat verlassen.

Annett wusste immer, was sie wollte. Bereits mit sechzehn Jahren zieht sie in ihre erste WG. Sie ist über dreißig Jahre alt, als sie sich ihren ersten Schultag erkämpft. Sie will lernen. Fünf Jahre lang begleitet ein Zivi sie zum Unterricht, bis sie den Hauptschulabschluss schafft. Sie schreibt und rechnet am Computer, den sie mit dem Kopf bedient. Die Nackenmuskeln gehorchen ihr. Sie findet Arbeit in der Hamburger Werkstatt, die behinderte Menschen beschäftigt. Sie führt am Computer die Anwesenheitspläne ihrer Gruppe. Dort angelt sie sich ihren Lebensgefährten Klaus – zuvor hat sie ihrem damaligen Verlobten den Laufpass gegeben. Annett lächelt verschmitzt, als sie erzählt, dass sie Klaus einfach eingeladen hat: „Da hat’s gefunkt.“

Die beiden wollen zusammenleben. Sie finden sogar eine Wohnung, doch die Heimleitung stellt sich quer. Sie sei nicht selbstständig genug, heißt es. „Ich hätte das mit dem Pflegedienst hingekriegt“, sagt Annett. Immer seien ihr Steine in den Weg gelegt worden. Sie hat nicht aufgegeben.

In Olivers Zimmer hängt ein Plakat von Michael Jackson. Sobald er über sein Idol spricht, wird er lebendiger. Jeden Schritt hat er sich von Videos abgeguckt. Immer wieder übt er vorm Spiegel: Füße vorwärts setzen und gleichzeitig rückwärts gleiten lassen, bis es aussieht, als ob ihm ein Laufband unter den Füßen weggezogen wird. Das Kunststück kann er gut gebrauchen. Er ist Schauspieler in einem Theaterprojekt junger behinderter Menschen. Dass er das schaffen würde, hätte er sich vor sechs Jahren nicht vorstellen können.

Oliver sollte Hauswirtschaftshelfer werden. Schon das Praktikum zur Wäschepflege erlebt er als Fiasko. Körperlich ist er fit, aber er lernt viel langsamer als andere. Es gelingt ihm nicht, die Wäschestücke so zusammenzulegen, wie es die Anleiter wünschen. „Ich war damit überfordert“, sagt er. Bei den Kochprüfungen hat er ständig Angst, dass alles schiefgehen könnte.

Er hastet mit seinen Worten über die unangenehmen Zeiten weg und holt aus, als er von der Wende erzählt. Das war, als sich die Kochlehrerin mit ihrer Klasse ein Theaterstück anguckt, in dem ihr glückloser Küchenhelfer als Laienspieler spielt. Sie entdeckt, dass Oliver sich auf der Bühne mehr traut als in der Küche. Sie gibt ihm frei für ein Praktikum im Theater Klabauter. Er schafft den Sprung und wird professioneller Schauspieler in einem Theater, an dem junge behinderte Menschen arbeiten.

Sylke war Papas Liebling. Er hat alles fürs Kind getan, erzählt Sylkes Mutter. Im Heidepark sei er mit ihr sogar auf den Aussichtsturm gefahren. 70 Meter hoch mit dem Fahrstuhl. Sylkes Augen blitzen, als sie ein Wort spricht. „Tschechei“, wiederholt die Mutter, da waren wir im Urlaub. Flugzeug, sagt Sylke. Ja, da sei ein kleines Flugzeug gewesen, für vier Leute. Der Papa hat sie hineingehoben und den ganzen Flug über festgehalten.

Vor drei Jahren ist der Vater gestorben. Ganz plötzlich. „Ich habe wahnsinnige Angst gekriegt“, sagt die Mutter. Sie werde ja nicht jünger und im Dorf gäbe es nur ein Altenheim. Dahin wollte ihre Tochter nicht. Und die Mutter hätte sie nie gedrängt. So blieb nur Hamburg, wo Sylkes Schwester wohnt. Die Schwester hat sich um den Kontakt zur Wohngruppe gekümmert. Sie hofft auch, dass Sylke in einer Werkstatt arbeiten kann. Als zwei Mitarbeiter der neuen Hausgemeinschaft Sylke in Neuhaus besuchen, willigen sie spontan ein, ihr den letzten freien Platz zu geben. Sylke, so glauben sie, kann in einer neuen Umgebung noch viel lernen. „Ich war so erleichtert“, sagt die Mutter. So hätte es auch der Papa gewollt.

Juni 2009, der Umzug. Sylkes Leben hat in sieben Kisten gepasst. Als sie in ihr WG-Zimmer zieht, kramt die Mutter als Erstes Laken und Bettwäsche heraus. Mit wenigen Handgriffen hüllt sie die Bettdecke in eine Südseelandschaft aus Stoff. Faltkante an Faltkante legt sie Pullover und Leggins in den Schrank. Sylke beobachtet sie. „Pass gut auf, wohin alles kommt“, hatte die Betreuerin noch gesagt. Es ist das letzte Mal, dass die Mutter die Regie über die Ordnung ihrer Tochter führt. Von nun an lebt Sylke mit drei Frauen und einem Mann in einer stationären Wohngruppe.

Zwei Etagen tiefer zieht Annett in ihre neue Wohnung. Endlich. Klaus wohnt schon seit drei Wochen ganz allein im Neubau, behilft sich mit Tischdecken als Gardinen, räumt und wartet. Annett organisiert zwar täglich einen Fahrdienst, um ihn zu besuchen. An diesem Tag aber ist sie um fünf Uhr morgens aufgestanden. Um halb zwölf schiebt Klaus sie in ihr gemeinsames Zuhause: drei Zimmer, zwei behindertengerechte Bäder, ein Flur mit Ladestation für den erhofften Elektrorolli.

Noch steht die Küche voller Kisten, auf der Spüle türmen sich die Kaffeefilter. Mittendrin der dänische Esstisch aus den Siebzigern, den Annetts Vater spendiert hat. Klaus versucht, ein Gestell an den Tisch zu schrauben, das wie ein Schlagzeugbecken aussieht. Es ist die Halterung für einen Teller mit vertieftem Rand, aus dem Annett selbstständig essen kann. Eine Freundin hockt am Tisch, ein Betreuer fragt ungeduldig, ob das Bett schon da sei, gegen Mittag blickt eine Frau suchend durch die Tür. Sie ist vom Pflegedienst. „Mir wird es langsam zu viel“, klagt Klaus. „Ist doch nur heute so“, beruhigt Annett ihn. Dabei fallen ihr selbst fast die Augen zu.

Oliver zieht eine Woche später ein. Die erste Nacht in seiner neuen Wohnung erlebt er wie hinter einem Schleier. Er fühlt sich fremd, wacht alle zwei Stunden auf und grübelt darüber nach, wie er morgens am besten zur Arbeit fährt. „Ich bin seelisch noch nicht angekommen“, sagt er noch Wochen nach dem Umzug. Besonders abends bekäme er manchmal Beklemmungen. „So alleine hier zu sitzen, ist nicht so mein Ding“, sagt er.

Sicher fühlt er sich in diesen Tagen vor allem im Theater. Die Klabauter spielen gerade „Ungehalten sein“, frei nach Schillers „Die Räuber“. Oliver tritt im bodenlangen Mantel mit Stiefeln und Halbmaske auf. Er sieht bedrohlich aus und spricht im Stück aus, was ihn im Leben ungehalten macht: seine Hemmungen. Einmal, so erzählt er in einer Szene, einmal habe er in der Disko ein Mädchen kennengelernt. Sie habe ihm anvertraut, dass sie total verliebt in ihn sei. „Mich hat das positiv berührt“, sagt er auf der Bühne, aber er habe nichts daraus gemacht. Später sagt er, dass die Geschichte wirklich passiert ist.

Leben in der Hausgemeinschaft. Im September ist bei Annett und Klaus längst alles picobello. Auf den Küchenregalen vergnügt sich ein ganzer Zoo von Teddys, Katzen und Hunden aus Steingut, im Backofen steht schon ein Kohlauflauf, den Klaus mit Käse überbacken will. Als Klaus die Badezimmertür öffnet, riecht der ganze Flur nach Waschmittel. Er putzt und kocht, während seine Freundin arbeitet. „Da darf ihm niemand reinreden“, sagt Annett. Mehrmals täglich kommt der Pflegedienst, um ihr auf die Toilette zu helfen. Abends bringt Klaus sie zu Bett. „Ich kann jetzt schlafen, wann ich will“, sagt sie. In der Wohngruppe hätten die Betreuerinnen die Bettruhe bestimmt. Abends um halb zehn war Feierabend, 25 Jahre lang. Jetzt wartet sie nur noch auf den neuen Rollstuhl, die Krankenkasse rührt sich nicht.

Annett lässt sich in ihr Schreibstübchen schieben, Klaus stellt den Computer an, er streift ihr den Helm über den Kopf – einen grauen Reif, an dessen Stirnseite eine Stange herausragt. Mit ihr bedient Annett die Tasten. Sie startet Programme, checkt die Mails und öffnet schließlich ihr neuestes Projekt. Ein Buch. Kapitel eins trägt den Namen „Annett“. „Als kleines Kind war ich viel im Krankenhaus“, steht da. „Damals gab es noch keinen Rollstuhl. Ich lag eine ganze Zeit lang in der Kinderkarre.“ Auch das letzte Kapitel steht schon fest. „Hochzeit“ heißt es.

Sylke puzzelt nun schon wochenlang in ihrer Wohngruppe. Sie wartet viel: auf ihre Mitbewohner, die erst nachmittags nach Hause kommen, auf einen Arbeitsplatz, auf die Frau, die ihr beibringen wird, mit dem Computer zu sprechen, auf die Mutter, die sie alle dreiWochen besucht. Ist es besser als zu Hause? Sie nickt. Erst kürzlich seien sie beim Straßenfest gewesen, erzählt ihre Betreuerin. Sylke habe getanzt. Als sie sich daran erinnert, juchzt und kiekst sie. Ihr Kopf schlägt zur Seite, die Hand schießt hoch, der Körper schüttelt sich. Wenn Sylke lacht, strahlen alle, die sie sehen. Wie bei Kindern.

Im Oktober ist es so weit. Die Beraterin für unterstützte Kommunikation packt ein Sprechgerät namens Alphatalker aus und schraubt ihn an den Rollstuhl. Sie wünscht sich, dass Sylke einen Arbeitsplatz findet, der sie mehr fordert als kleine Puzzleteile. Auf den 32 Tasten des Talkers sind Bilder statt Buchstaben. Sylke drückt die lachende Sonne und ein Ja ertönt. „Wer hat morgen Dienst?“, fragen zwei kugelige Köpfe in einem Kreis. Sylke probiert ihren neuen Assistenten aus. Sie begrüßt, sie bittet, sie fragt, wie es geht, und sagt, dass sie draußen spazieren möchte. Schließlich drückt sie eine Taste, die sie sich gut gemerkt hat: „Ich möchte jetzt aufhören, ihr könnt wieder gehen.“

Zu Weihnachten hat Annett ihrem Klaus eine Cappuccino- Maschine geschenkt. Das Geld hat sie von ihrer Grundsicherung gespart, beim Kauf hat sie sich ausnahmsweise von einem Betreuer helfen lassen. Sie nutzt die Betreuungsstunden nur selten. „Ich will meine Freiheit“, sagt sie. Und Zeit mit Klaus. Sie sind jetzt das, was sie immer sein wollten: ein ganz normales Paar, das gemeinsam einkauft, gerne Fußball guckt und sonntags mit der Nachbarin Bingo spielt. „Wir sind sehr glücklich, wir beiden“, sagt Annett. Die tägliche Kaffeerunde und der Einkaufstreff der Hausgemeinschaft sind nichts für sie.

Umso mehr für Oliver. Er braucht vertraute Menschen um sich. „90 Prozent meiner Aktivitäten mache ich in Gesellschaft“, sagt er. Jeden Nachmittag trinkt er Kaffee mit allen, die gerne andere Hausbewohner treffen. Jeden Samstag spaziert er gemeinsam mit einem bunten Trüppchen zum Supermarkt. Vorne weg läuft meistens Olivers Nachbar – mit zwei Krücken ist er schneller als alle anderen. Ihm folgt eine Prozession von Menschen, die ihren Rollstuhl navigieren, verträumt vor sich hin trotten, sich zärtlich an Betreuerinnen schmiegen, plaudern und herumalbern.

Zehn Leute sind sie an einem Samstag im Mai. Oliver schäkert entspannt mit allen. Nur im Supermarkt verliert er kurz die Übersicht: In seinem Einkaufswagen türmen sich neben seiner Jagdwurst und seinem Ketchup plötzlich auch Linseneintopf, Käseaufschnitt, Cola, Familienpackungen von Süßigkeiten von anderen. Das macht ihn nervös.

Sylke wartet immer noch. Eine Werkstatt für Behinderte habe sich geweigert, sie zu beschäftigen, sagt ihre Betreuerin. Der Pflegebedarf sei zu hoch. Und ihr Sprechcomputer? Sie schüttelt den Kopf. Keine Lust? Sie nickt. Die anderen verstehen dich auch so? Wieder nickt sie. Und lächelt. Der Computerkurs im Januar? Nein. Sie schüttelt den Kopf. Das macht ihr auch keine Freude. Immerhin hat ihr die Ärztin bescheinigt, dass sie werkstattfähig ist.

Juni 2010, ein Jahr Hausgemeinschaft. Als die Hausgemeinschaft ihren ersten Geburtstag feiert, ist es draußen brütend heiß. Sylkes Mutter und ihr Bruder sind gekommen und stoßen auf der Terrasse an. Für Sylke habe sich alles geändert, sagt ihre Mutter, während sie ihr ein Gläschen alkoholfreien Sekt einflößt. Und dann sagt sie: Sylke langweilt sich. Sie wirkt skeptisch und doch ein wenig stolz, als sie übersetzt, was ihre Tochter während ihres Werkstattpraktikums erlebt hat. „Feuermelder“ ist ein Stichwort. Sie habe sie zusammengebaut. Und „Gewürztüten“. Die habe sie gezählt, immer fünf Stück.

Ob es mit der Stelle klappt? Sylke nickt verschmitzt und steckt wieder alle mit ihrem Strahlen an. Oliver, der sonst gerne Späße mit Sylke macht, sitzt an diesem Tag artig im kühlen Gemeinschaftsraum und trinkt mit seinen Eltern Kaffee. „Ich bin jetzt angekommen“, sagt er. Er kennt alle, schläft gut und muss nicht alleine sein. So fühlt sich ein sicheres Zuhause an.

Als das Buffet schon halbleer gegessen ist, rollt Annett aus dem Haus und steuert zur Kaffeegesellschaft. In einem knallroten Rollstuhl. Schmal ist der neue Elektrorolli, nicht so ein Monstrum wie der alte. Eineinhalb Jahre hat sie darauf warten müssen. „Wir haben Druck gemacht“, sagt Klaus. „Wegen der Hochzeit.“ Annett klammert ihre rechte Hand an den Gummstick auf der Lehne und führt vor, wie sie den neuen Rolli rangiert. Rechts, links, zurück und geradeaus vorwärts. Im dritten Gang fährt sie ihrem Klaus fast davon. „Drei Tage noch“, sagt sie, als ihr Fahrzeug wieder steht: „Dann heiraten wir.“ Der Rollstuhl wird dann auch geschmückt.

Die Hausgemeinschaft

Annett, Oliver und Sylke leben in der Hausgemeinschaft am Eisenwerk in Hamburg-Barmbek. Dort wohnen insgesamt 24 Menschen in unterschiedlichen Wohnformen: Sylke, die viel Hilfe benötigt, wohnt in einer stationären Wohngruppe. Dort ist auch nachts immer jemand erreichbar. Sie hat einen Heimvertrag mit dem Träger „Leben mit Behinderung Hamburg“ abgeschlossen. Annett und Oliver sind dagegen Mieter der Baugenossenschaft Fluwog-Nordmark. Sie leben von Lohn und Grundsicherung und kümmern sich selbst um ihre ambulante Versorgung. Annett hat Pflegestufe 3 und engagiert einen Pflegedienst, Oliver hat einen Vertrag über pädagogische Betreuung ausgehandelt.

Gerlinde Geffers