Veröffentlichungen Artikel
Sex@Cyberspace.com
Online-Dating, Cybersex, Pornografie - auf dem Marktplatz Internet gibt es alles. Manche macht der Online-Sex sogar süchtig. Junge Leute aber sehnen sich nach der ganz realen romantischen Liebe.
Eigentlich verdankt Karina* ihr Glück zwei Freundinnen. Vier Jahre ist es her. Da bekneten die beiden sie so lange, bis sie sich endlich zur Partnersuche via Internet durchringt. Ein dreiviertel Jahr voller Höhen und Tiefen dauert es, bis sie sich ihren heutigen Freund angelt. Auch Alex hat seinen Ex-Freund beim Chatten kennengelernt. Ein Leben ohne Internet-Community kann er sich gar nicht mehr vorstellen. Vom reinen Cybersex über die schnelle Verabredung zum Offline-Sex bis zur Suche nach einer Liebesbeziehung ist in der Gay-Community alles ganz normal. Jurek* dagegen hat sich schon Pornos im Internet angeguckt, bevor er zum ersten Mal ein Mädchen geküsst hat. Seit er eine Freundin hat, sind die Filmchen unwichtig geworden.
Das Internet ist aus dem Sexleben vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Das Angebot zu Sex, Erotik und Pornografie ist gigantisch. Allein beim Suchwort Erotik spuckt Google heute 63 Millionen Treffer aus, vor sechs Jahren waren es nur 5,6 Millionen Einträge. Es beginnt mit Informationen über Sex, Online-Sexberatung oder Diskussionsforen. Es wimmelt im Netz von Singlebörsen und Angeboten zum virtuellen Sex. Schließlich bietet das Internet pornografische Filme und Bilder in einer Fülle, die schier unendlich ist. Das meiste ist käuflich, vieles aber auch umsonst.
Neue Spielart der Sexualität
Angesichts des Überangebots werden die Stimmen immer lauter, die vor Online-Sexsucht oder Jugendgefährdung warnen oder sexuelle Belästigung anprangern. Andere halten das allenfalls für eine Frage von Zugangssperren und Kontrolle. Sie finden Cybersex ohnehin öde und bagatellisieren das Internet nur als weitere Form, Kontakt aufzunehmen. Der Sexualwissenschaftler Prof. Martin Dannecker verteufelt es weder noch unterschätzt er es. Er beobachtet, dass sich die internetgestützte Sexualität zunehmend zu einer eigenen sexuellen Form entwickelt. Die Daten zum Cybersex sind dünn, lassen seiner Meinung nach vermuten, dass bis zu einem Drittel der Internetnutzer sexuelle Angebote nutzt - überwiegend Männer. Vorreiter sind die homosexuellen Männer. "Da gehört Cybersex zum sexuellen Repertoire", sagt Dannecker. Heterosexuelle Männer sind seltener in Sachen Sex im Internet, noch viel seltener Frauen.
Alex hat seinen Freund über Gayromeo kennen gelernt, die blauen Seiten, wie sie unter Schwulen heißen. Er war dort mit Nicknamen und Gesichtsfoto angemeldet, ohne seine sexuellen Vorlieben zu offenbaren. Sein zukünftiger Liebster war gerade online und hatte sich als Beziehungssuchender geoutet. Ein idealer Flirtpartner. Dessen Hobbys fand Alex eher langweilig, aber das Bild gefiel ihm. So hat er ihn einfach gefragt, welche Musik er spielt und wurde prompt zum Konzert eingeladen. Wenig später waren sie ein Paar.
Andere, so erzählt Alex, manchen es genau umgekehrt. Sie stellen einen kopflosen Körper ins Netz, nennen ihre sexuelle Wünsche und klicken gleich an: Ich will Sex. Sind sie online, dann können sie sich schon eine Viertelstunde später zum ganz realen Sex treffen. "Das ist absolut gesellschaftsfähig", sagt Alex. Es gäbe aber auch Leute, die in der virtuellen Welt bleiben wollen. Der Trend ginge zum Zweitprofil, eins fürs soziale Leben, ein zweites für anonymen Cybersex. "Da lässt Du dann raus, was in deiner Phantasie drin ist", sagt Alex. In gewisser Hinsicht findet er das echter als das wahre Leben, in dem man seine Wünsche ja verstecke.
Vom Hotchat ins Bett
Cybersex im eigentlichen Sinne findet im Chatroom statt, meistens als Textchat. Die Paare sehen und hören sich nicht, sie riechen und schmecken sich nicht und sie können einander nicht berühren. Was bleibt sind geschriebene Worte. Mit ihrer Hilfe inszenieren sie sich als virtuelle Sexpartner, loten auf lustvolle Weise ihre Fantasien und Wünsche aus und heizen sich gegenseitig auf. Das Spiel mit der sexuellen Erregung mündet meistens in Selbstbefriedigung.
Solange sie sich nur im Netz treffen, können sich die Männer und Frauen so jung, so attraktiv und so schamlos geben, wie sie gerne wären. Wer allerdings eine Fortsetzung des Spiels in wirklichen Leben anpeilt, ist damit nicht gut beraten. Tatsächlich möchten zwei Drittel der Chatter gerne wissen, wer sich hinter dem Text auf dem Bildschirm verbirgt. Das gaben jedenfalls die chattenden Teilnehmer einer umfangsreichen Studie zu Beziehungs- und Sexualbiografien zu Protokoll. Viele wechselten von Cybersex zu E-Mail, telefonierten, schickten einander Fotos oder trafen sich. Gut ein Viertel der Cybersex-Kontakte mündete in realen Sex.
Interview: Cybersex macht hemmlungslos
Prof. Martin Dannecker hat fast dreißig Jahre am Institut für Sexualwissenschaft in Frankfurt gearbeitet. Heute bildet er Sexualtherapeuten aus.
ÖKO-TEST: Was suchen die Leute im Netz - Partner, virtuellen Sex oder Selbstbefriedigung?
Dannecker: Sexuelle Erregung. Das gilt für alle, auch für diejenigen, die Partner suchen. Sie haben keinen Cybersex, sondern flirten nur. Aber diese Anbahnung ist sexualisiert, sie hat etwas besonders Erregendes.
ÖKO-TEST: Sie sagen, das Chatten hat eine eigene sexuelle Qualität. Welche?
Dannecker: Es gibt eine Sexualisierung, die es in der realen Sexualität nur sehr schwer geben kann. Man muss sich das so vorstellen: Das Wort treibt eine bestimmte Fantasie heraus. Und diese herausgetriebene Fantasie treibt eine neue Fantasie, also ein neues Wort heraus. Vor allem am Anfang, wenn die Leute das nicht gewöhnt sind, treibt es eine unglaubliche Sexualisierung heraus. Das Internet ist der Fantasie und den sexuellen Wünschen ausgesprochen günstig gesonnen.
ÖKO-TEST: Wie kommt das?
Dannecker: Es liegt an der Anonymität, die auch durch den Nicknamen hergestellt wird. Allein die Tatsache, dass man einen anderen Namen hat, macht relativ hemmungslos. Das ist ein Bruch zur realen Welt, wo die Sexualität immer noch reguliert und eingeschränkt ist.
ÖKO-TEST: Die Realität hält dann auch nicht, was der Chat verspricht?
Dannecker: Es wird oft als ernüchternd erlebt. Manche, die richtig erfahren sind, unterscheiden mittlerweile zwischen virtuellen Partnern und realen. Mit den einen cybern sie nur, weil sie aus Erfahrung wissen, dass die Realität hinter das gigantomanische Fantasiegebilde zurückfällt.
ÖKO-TEST: Verändert der Sex in der virtuellen Welt den realen Sex?
Dannecker: Ich bin da noch immer hin- und hergeworfen. Ich glaube, dass das Internet sexuelle Wünsche generiert. Ich unterscheide zwischen sexuellen Fantasien und sexuellen Wünschen. Fantasien sind noch nicht handlungsnah. Der sexuelle Wunsch will in Realität umgesetzt werden. Es gibt es natürlich eine Brücke zwischen der Fantasie und dem Wunsch. Da glaube ich, dass das Netz durch die Wiederholung Fantasien in Wünsche transformiert. Und das kann, theoretisch gesagt, nicht ohne Einfluss auf die Sexualität bleiben.
Fantasien ohne Ende
Es muss kein Hotchat sein. Auch eine hochseriöse Partnervermittlung im Internet weckt Vorlust und Begehren. Karina hat sich gefühlt wie in der Pubertät, nachdem sie bei einer Partnervermittlung den Psychotest ausfüllt, einen - nicht ganz billigen - Vertrag abgeschlossen hatte und zusätzlich in einer Singlebörse ein nettes Profil platziert hatte. Kaum hatte sie zwei, drei Zuschriften, verwandelte sie sich in eine Prinzessin, die nur wählen muss, ließen eine Antwort auf sich warten, stürzte sie in tiefe Selbstzweifel. Es habe sie an das Flirten auf dem Schulhof erinnert: "Das hat einen Verjüngungseffekt gehabt" erzählt die damals 49jährige.
Bis Karina ihren heutigen Freund aus dem Netz gefischt hatte, vergingen Monate. Sie fand seine Mails interessant, er ihre. Mail für Mail versuchte zu lesen, was zwischen den Zeilen stand. "Man kann da fantasieren ohne Ende", sagt sie. Gleichzeitig verstärke die Anonymität in einem riesigen Netz von Paarungswilligen die Erregung. Er aber blieb zurückhaltend. Es folgten Telefonate, Treffen, Nachrichten per SMS bis sie endlich ein Paar wurden. Heute sagt sie, dass es gut war, sich Zeit zu lassen. Und dass sie, die auf einem Dorf lebt, ohne das Internet wohl keinen neuen Partner gefunden hätte.
Droge Online-Sex?
Sie laden sich gigabyteweise Pornos aus dem Netz, sind stundenlang in Hotchats unterwegs und bezahlen ein Vermögen für Internetsex mit käuflichen Damen - die Online-Sexsüchtigen. Es sind überwiegend jüngere Männer. Wenn sie eine Beziehung haben, nähert die sich mit zunehmender Sexsucht dem Nullpunkt und zerbricht. Die meisten aber hatten nie eine Partnerin. Mit jedem Tag der Sucht, sinken ihre Chancen auf eine ganz reale Liebe. Stattdessen masturbieren sie vor dem Bildschirm und brauchen zur Stimulation immer tabulosere Bilder und Chats.
Wie viele Online-Sexsüchtige es gibt, ist unklar. Empirisch gesicherte Zahlen gibt es nicht. Wohl aber berichten Sexualtherapeuten, dass zunehmend junge Männer in ihren Praxen auftauchen, die vom Onlinesex nicht loskommen. Die Behauptung, Cybersex sei wie Heroin - einmal angefixt könne man davon nicht mehr lassen, weisen Sexualtherapeuten zurück. Die meisten Cyberer können internetgestützten Sex gut in ihr Sexualleben integrieren. Wer dagegen süchtig wird, hat meistens noch andere Probleme: Kontaktstörungen, Depressionen, Ängste.
Liebe auf den ersten Klick
Liest man die Erfolgsgeschichten auf den Webseiten der Partnervermittlungen, dann klingt das alles ganz artig. Da schildern glückliche Paare von passenden Profilen, gemeinsamen Interessen, sympathischen Fotos und warmherziger Ausstrahlung - aber auch fast immer davon, dass es beim ersten Date gefunkt hat. Die Soziologin Evelina Bühler-Illieva wollte vor einigen Jahren genauer wissen, wie die Liebe im Netz entsteht. Sie befragte 4110 Nutzerinnen und Nutzer der Schweizer Datingsite Partnerwinner und stieß dabei erstaunlich häufig auf Liebesglück. Fast ein Viertel der Onlinedater hatte eine feste Liebebeziehung aufgebaut, die Hälfte davon hielt noch. Vier Prozent hatten sich buchstäblich beim ersten Klick bis über beide Ohren verknallt, andere verliebten sich schreibend, noch bevor sie den Traumpartner das erste Mal gesehen hatten. Die Forscherin nennt das ein Kennenlernen "von innen nach außen". Als sie einige der erfolgreichen Partnersuchenden persönliche befragte, schilderte ihr eine: "Ich habe mehr vom Inhalt kennengelernt, und die Verpackung ist eigentlich zweitrangig." Sie hatte das Gefühl, auf einer guten Basis zu beginnen.
Es gibt allerdings auch etliche, die offenbar im Netz hängen bleiben. Auch Karina hat erlebt, dass Männer vor dem ersten Treffen plötzlich den Kontakt abbrachen, ihre Freundinnen erzählen von ähnlichen Erlebnissen. Sie kann sich gut vorstellen, dass manche Menschen im Vorhof bleiben möchten, weil sie Angst vor Kontakten und Zurückweisung haben. Ihr Freund wiederum hat damals einige Frauen getroffen, deren Altersangabe und Bild sich in der Realität als reichlich geschönt entpuppten. Wer zu viel flunkert, riskiert böse Überraschungen und scheut das Treffen von Angesicht zu Angesicht.
Online-Dating: Im Netz der Liebe
Ob auf Lebenspartner- oder Seitensprungsuche, ob zwanzig oder über fünfzig Jahre alt, ob hetero, schwul, lesbisch oder bi, ob alleinerziehend, religiös, kochbegeistert oder sadomasochistisch - das Netz bietet für alle das Passende. Rund 7 Millionen deutsche Singles sind monatlich im Internet auf der Suche. So jedenfalls steht es in der Kurzstudie Online-Dating-Markt 2007/2008 des Portals Singlebörsen-Vergleich.de, deren Betreiber Online-Dating-Angebote testen und bewerten.
Laut deren Marktanalyse geben die meisten Singles eine Kontaktanzeige in einer Singlebörse auf. Sie flirten und daten, wenn eine Anzeige sie reizt. Wer sich dagegen einen Lebenspartner angeln möchte, macht eher einen Persönlichkeitstest bei einer Internet-Partnervermittlung. Die schlägt dann passende Partner vor. Ebenfalls gut im Geschäft sind die Adult-Dating-Portale. Dahinter verbergen sich Seitensprung-Vermittlungen, Anzeigen für Sexkontakte, Online-Swingerclubs oder Fetisch-Treffs. Schließlich gibt es noch Nischenportale, in denen Mollige, Religiöse, Silverager oder Menschen mit speziellen sexuellen Wünschen auf ihr Glück hoffen.
Surfen in der Sexwelt
Internet gehört für Jugendliche zum Alltag. Pornografie im Netz auch? Gesehen haben das schon viele. Doch auch wenn sie kaum eine Spielart fremd ist - ihre eigene Sexualität müssen sie erst finden.
Wer das Wörtchen "Sex" in eine Suchmaschine eingibt, ist nur noch einen Klick von Pornoseiten entfernt. Gelegentlich muss der Nutzer noch bestätigen, dass er 18 Jahre alt ist, ehe er auf einschlägige Seiten gelangt. Mit Erotik haben die Bilder und Filme nichts zu tun. Gezeigt wird Sex in allen Stellungen und Praktiken. Gefühle gibt es nicht, stattdessen jede Menge Großaufnahmen von Genitalien. Die Männer sind dominant, die Frauen gefügig. Männerfantasien eben.
Als sie sich zum ersten Mal zu Pornos durchgeklickt haben, waren die beiden Gymnasiasten Jurek* und Lars* 14 Jahre alt. Sie hätten nicht gedacht, dass es so leicht ist. Und dann sogar gratis. Er habe immer ein bisschen Schiss gehabt, dass seine Eltern ihn ertappen könnten, sagt Jurek. Aber: "Ganz ehrlich. Die Pornos fand ich ziemlich interessant." In der Schule würde man zwar aufgeklärt. "aber man sieht ja nichts", sagt er. Das sei in dem Alter eben etwas Neues, fügt sein Freund Lars hinzu. "Bildlich eben, nicht nur das Gerede" und ein Spaßfaktor sei natürlich auch dabei. Später aber, so erzählt der heute 18jährige Jurek, habe er die Filmchen doch eher lächerlich gefunden. Plump und abgestumpft. Und außerdem, sagt Lars, irgendwann komme das Alter, in dem man es selber ausprobieren möchte.
Zwischen Erregung und Ekel
Ersetzt Pornografie die Sexualerziehung? Tatsache ist: Etwa sechzig Prozent der 11- bis 19-jährigen waren schon einmal auf Pornoseiten. Das hat eine Studie der Psychologin Christine Altstötter-Gleich von Universität Koblenz-Landau ergeben. Gemeinsam mit Sexualpädagoginnen und -pädagogen von Pro Familia in Rheinland-Pfalz befragte sie 1352 Haupt- und Gymnasialschülerinnen und -schüler. Die Jugendlichen notierten auf Fragebögen, was sie im Internet gesehen haben und wie sie sich dabei gefühlt haben.
So hatten 33 Prozent der Befragten schon vergleichsweise softe Darstellungen von nackten Personen, Petting oder normalem Geschlechtsverkehr in verschiedenen Stellungen gesehen. Danach hatten die meisten gezielt gesucht. Schon an zweiter Stelle folgten Bilder, die gesetzlich verboten sind etwa von Sodomie und Vergewaltigungen. Zu ihnen hatten in erster Linie Spams, Popups oder Tippfehler geführt. Die jungen Internetsurfer entdeckten Praktiken wie Oral- oder Analverkehr, erlebten Gruppen wie Bisexuelle, Homosexuelle oder Mittel wie Gang-Bang oder Fisting. Während der Großteil von ihnen sich von Softpornos informiert und angemacht fühlte, lösten harte Darstellungen überwiegend Ekel und Wut aus.
Ehrlich drüber reden
So schwer verdaulich die Befunde im ersten Moment sind, dramatisieren will Altstötter-Gleich sie nicht. "Angst und Ekel ist nicht unbedingt entwicklungshemmend", sagt sie. Wichtig sei aber, dass sich die Jugendlichen damit auseinander setzen. Das tun sie auch. Fast siebzig Prozent hatte mit Vertrauten darüber geredet, die meisten mit Freunden. Die Psychologin wünscht sich, dass an allen Schulen Sexualpädagoginnen und -pädagogen das Thema Pornografie und entsprechende Interneterlebnisse thematisieren. Dabei lässt sie keinen Zweifel daran, dass harte Pornografie im Internet nichts zu suchen hat. Altstötter-Gleich plädiert dafür, das Jugendschutz.net zu unterstützen. Deren Fahnder sitzen tagaus tagein am Computer und suchen nach verbotenen Inhalten. Doch auch wenn es gelingen sollte, sie verschwinden zu lassen, bleibt der riesige Markt normaler Pornografie. Die dürfen sich 18jährige jederzeit im Netz angucken. Gewiefte Internetsurfer finden immer Wege, Alterskontrollen zu umgehen. Oft genügt ein Klick.
Pornografie ist da, also muss man mit ihr umgehen, sagen Sexualpädagogen daher. Jungen haben ohnehin schon immer Pornos angeguckt, früher die Heftchen, dann Filme und jetzt eben auch das Internet. Behauptungen, dass Jugendliche von Pornografie desorientiert seien, Schlagzeilen wie "Jugendliche küssen sich nicht mehr", ihnen ginge das Gefühl der Zugneigung verloren, widerspricht der Dr. Frank Herrath vom Institut für Sexualpädagogik vehement. "Das ist arrogant, üble Nachrede und ganz falsch", sagt er im Film "Geiler Scheiß", den junge Leute gedreht haben. Manche mögen Porno nicht, andere wollten eben wissen, was es gibt. Eine ganz kleine Minderheit verwechsele die Fiktion mit der Realität. Nur wenn die Jugendlichen zuhause bereits erlebten, dass die Frau männliche Wünsche zu bedienen habe, dann sei die Pornografie zusätzlich problematisch. Auch Herrath betont: "Jugendliche brauchen Kommunikation, natürlich keine reibungsarme. Wir müssen auch sagen, was wir davon halten."
Die Pornos haben ihnen die Angst vor der Sexualität genommen, sagen Jurek und Lars. Mehr nicht. Mit 14,15 fände man es eben cool, über Sex und Ficken zu reden. Eine andere Vorstellung habe man ja nicht. Bevor sie selbst zum ersten Mal Sex hatten, kannten sie nur den Sex aus Pornos. Aber: "Wenn man versucht umzusetzen, was man in Pornos sieht, dann versagt man auf der ganzen Linie", sagt Jurek. Bis man "die wahre Sexualität" für sich entdecke, brauche es Zeit.
"Überinformierte Einsteiger" nennt die Trendstudie "Sexstyles 2010" Teenager zwischen 14 und 20 Jahren. Der Sozialforscher Matthias Horx hat sie im Auftrag der Beate Uhse AG erstellt. Junge Leute wie Jurek und Lars hätten zwar einen theoretischen Wissensvorsprung, beim ersten Mal aber seien sie ebenso unsicher wie ihre Altergenossen in den 60er und 70er Jahren. Einerseits möchten sie endlich erleben, was sie erträumen. Vor allem aber wollen sie genussvoll in die ganze Vielfalt des Liebeslebens entdecken, Erotik und Romantik inbegriffen.
Suche nach Romantik
Seit eineinhalb Jahren hat Jurek eine Freundin. Pornos guckt er nicht mehr. Sex sei ja viel mehr als da abgelichtet werde. Zärtlichkeit und Bindung - so etwas gäbe es in Pornos gar nichts. Und kein Junge könne ihm sagen, dass er sich das nicht wünscht. Er bestätigt damit, was die Sexualforschung schon seit den neunziger Jahren beobachtet. Zwar stehen auch heute die Jungen noch enorm unter Druck, ein guter Liebhaber zu sein. Sie werden aber einfühlsamer und nähern sich dem ursprünglich weiblichen Ideal der romantischen Liebe.
Mädchen dagegen gehen heute selbstbewusst auf Jungen zu und bestimmen selbst, wie sie die Sexualität gern hätten. Den nötigen Rückhalt holen sie sich häufig bei ihren Freundinnen. Jurek und Lars entlastet dass. Sie finden es toll, wenn die Mädchen sagen, was sie mögen. Sie können sich nicht vorstellen, allein zu bestimmen, wo es lang geht. Wollen sie auch nicht: "Selbstbewusste Mädchen sind sexy", sagt Jurek.
Tatort Chatroom
Chattten ist in. Kinder und Jugendliche finden es toll, im Netz andere kennen zu lernen und mit ihnen zu plaudern. Sie kommunizieren spielerisch, flirten und können auch mal so sein, wie sie gern wären. Fast die Hälfte der jungen Internetnetzer besucht gelegentlich einen Chatroom, 29 Prozent sind darin sogar häufig unterwegs. Das sagt die JIM-Studie 2008 zum Medienumgang von 12-19jährigen. Auch die aktuelle Studie weist darauf hin, dass im Chat mitunter Gefahren lauern. Fast die Hälfte der Chatterinnen und Chatter ist bereits von Fremden nach Namen, Adresse oder Telefonnummer gefragt worden.
"Ich bin schon als Hure, Nutte, Tussi, Schlampe, Bitch beschimpft worden. Das macht mich traurig. Chatten soll doch Spaß machen", beklagt sich ein 11jähriges Mädchen in einer Online-Umfrage, die jugenschutz.net durchgeführt hat. Eine 13jährige ist öfter nach Cybersex gefragt worden. Von 200 beteiligten Kindern bei der Kindersuchmaschine "Blinde Kuh" hatten 160 sexuelle Belästigungen erlebt. Die Rechercheurinnen gaben sich daraufhin selbst als minderjährige Chatterinnen aus und mussten sexuelle Fantasien lesen, wurden zu sexuellen Handlungen aufgefordert und zum Webcam-Kontakt.
Die Ergebnisse und viele Tipps zum sicheren Chatten stehen unter www.chatten-ohne-risiko.net.
*Namen von der Redaktion geändert
Gerlinde Geffers
